Geschichten eines Bauwerks Auf den Spuren der Magdeburger Hyparschale
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Die Hyparschale ist eines der bekanntesten Bauwerke Magdeburgs. Doch jahrelang fristete sie ein Schattendasein und verfiel. Bevor sie nun saniert wird, ist unser Redakteur André Strobel den Spuren des Baumeisters der Hyparschale, Ulrich Müther, gefolgt und erzählt seine persönliche Geschichte der Hyparschale.
Zur Hyparschale ist es nur ein Katzensprung, wenn man im Landesfunkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT in Magdeburg arbeitet. Seit fast zehn Jahren sehe ich sie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit – und auf dem Weg nach Hause. Doch so richtig aufgefallen ist mir die Hyparschale trotzdem nicht – zumindest anfangs. Für mich gehörte sie einfach zum Rotehornpark, ein baufälliges Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Sie war eben immer geschlossen, verriegelt und verrammelt. Kein schöner Anblick.
Eine Mittagspause ändert die Perspektive
Doch das änderte sich vor ein paar Jahren – in einer Mittagspause. Ich war mit ein paar Kollegen draußen unterwegs – Verdauungsspaziergang. Und da sagte jemand: "Los wir werfen mal einen Blick in die Hyparschale." An einer Stelle war der Bauzaun offen und wenige Schritte später standen wir vor einem der vielen Fenster und blickten in das Innere der riesigen Halle. In diesem Moment wurden mir das erste Mal die Dimensionen bewusst – da war ich infiziert und wollte mehr erfahren. Ich setzte mich an den Rechner und recherchierte.
Ulrich Müther – der Schöpfer
Ich fand heraus, dass Ulrich Müther, ein bekannter Bauingenieur zu DDR-Zeiten, die Hyparschale gebaut hatte. Schon 1969 war das. Fernsehsendungen wurden hier aufgenommen, Konzerte fanden statt, Ausstellungen und andere Veranstaltungen. Schon nach kurzer Zeit wusste ich, dass sich dieses Thema auch für einen längeren Film eignen würde. Ein paar Jahre später kam endlich die Gelegenheit – ich bekam die Chance, um die Hyparschale einen Film zu "stricken".
Auslöser dafür waren zwei Dinge: Zum einen wird seit 2018 an der Hochschule in Wismar der komplette Firmen-Nachlass von Ulrich Müther aufgearbeitet. Zum anderen wird die Hyparschale ab diesem Jahr saniert – die Stadt Magdeburg investiert viel Geld – fast 17 Millionen Euro insgesamt.
Die Dreharbeiten
Nach mehrmonatiger intensiver Recherche machte ich mich Anfang April 2019 mit fertigem Drehplan und meinem Kamerateam auf den Weg nach Rügen. Dort lebte und wirkte Ulrich Müther, der Schöpfer der Magdeburger Hyparschale. Er baute mehr als 50 dieser sogenannten Schalenbauwerke. Das Besondere an ihnen ist, dass sie trotz ihrer filigranen Stahlbetondecke, die meist nur wenige Zentimeter dünn ist, große Spannweiten erreichen. Und das ohne auch nur eine Stütze. So konnte Müther mit seinen geschwungenen Bauwerken große Räume schaffen – er sorgte für Abwechslung in der sonst so monotonen DDR-Architektur.
Mit all diesen Gedanken begannen die Dreharbeiten. Da Müther selbst seit mehr als 10 Jahren nicht mehr lebt, suchten wir Zeitzeugen, die ihn noch kannten. So trafen wir Martin Haase. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete er für Ulrich Müther. In der Firma hatte er eine der wichtigsten Aufgaben: Er war der Spritzdüsen-Führer und für das Aufbringen des Betons verantwortlich. Der heute 83-Jährige ist einer dieser "Pommerschen Bauernsöhne" von denen Ulrich Müther immer wieder gesprochen hat.
Handfeste Typen, die nicht lange nachdenken, sondern anpacken. Und das merken auch wir: Martin Haase ist trotz seines Alters unheimlich aktiv, er ist immer draußen unterwegs. Das ist auch nicht besonders überraschend, wohnt er doch direkt am Meer im Süden der Insel. Zwei Tage lang drehen wir mit ihm. Es macht großen Spaß all die alten Geschichten zu hören und mit ansehen zu können, wie Martin Haase noch heute von der Arbeit in der Müther-Firma schwärmt.
Warnemünde, Wismar, Wolfsburg
Danach gehen wir auf Tour durch den Norden. In Warnemünde drehen wir am Teepott, dem wohl bekanntesten Bauwerk von Ulrich Müther. In Wismar besuchen wir das Müther-Archiv. Dort lagert seit 2006 der komplette Firmen-Nachlass von Ulrich Müther. Ein Erbe, das kostbar ist und nun aufgearbeitet wird.
Matthias Ludwig, Architektur-Professor und Leiter des Archivs ist unser Interviewpartner: Er hofft vor allem, dass Müther mit der Aufarbeitung noch lange im Bewusstsein der Menschen bleibt und so manch ein Müther-Bau vor dem Abriss bewahrt werden kann. In Wolfsburg besuchen wir das Planetarium. Müthers Spätwerk sind in den achtziger Jahren spektakuläre Planetarien auf der ganzen Welt.
Berlin, Dresden und natürlich Magdeburg
Das war aber noch nicht alles: In Berlin treffen wir kurze Zeit später zwei Macher der legendären DDR-Jugendsendung "Rund". Fünfmal gastierten die ehemalige Szenenbildnerin und der Produktionsleiter des DDR-Fernsehens in der Hyparschale und man merkt ihnen noch immer die Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Bau an.
In Dresden begegnen wir Müthers Erben, geniale Ingenieure von heute. Sie forschen an Carbon-Beton, mit dem auch die Magdeburger Hyperschale restauriert werden soll und so, rein bautechnisch gesehen, noch 200 Jahre überdauern kann.
Am Ende unserer Dreharbeiten dann endlich die Hyparschale: Wir begegnen den Architekten der neuen Hyparschale, die ganz gebannt sind von diesem Ort. Es wird schnell klar, dass Ulrich Müther für sie ein Vorbild ist. Sein Wagemut und seine Art, Bauwerke zu schaffen, imponiert ihnen noch heute. Unter dem riesigen Dach der Hyparschale machen wir unsere Aufnahmen und brauchen noch viel Fantasie, um uns vorzustellen, dass hier in wenigen Jahren wieder Leben herrschen soll.
Aus alledem ist nun ein Film entstanden, 45 Minuten. Es hätten gut und gerne noch mehr sein können. Ich bin froh, dass ich diese Reise mit allen Beteiligten machen durfte.
Über den Autor André Strobel wurde 1984 in Schönebeck geboren, aufgewachsen ist er in Barby an der Elbe. Seit 2010 arbeitet er für MDR SACHSEN-ANHALT, wo er vor allem über Kultur, Gesellschaft und Sport berichtet. Neben seinen Berichten für Fernsehen und Online arbeitet er hin und wieder auch für MDR-Redaktionen in Leipzig. Bevor Strobel zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat er in Hamburg Angewandte Medienwirtschaft studiert – und in dieser Zeit viele Praktika gemacht, unter anderem bei Sport1 (damals doch DSF), RTL Nord und sportdigital.tv. Anschließend hat bei einer Münchner TV-Produktionsfirma volontiert. Mag das Wandern im Harz, die Abgeschiedenheit der Altmark und ist besonders großer Fan der Elbauen - vor allem in seiner Heimatstadt Barby.
Quelle: MDR/olei
Dieses Thema im Programm: MDR – Der Osten – Entdecke wo du lebst | 07. Mai 2019 | 21:00 Uhr
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08.05.2019 18:42 Bönisch. Liane 1